Modische Verstrickungen
Die Sommerpause bei Provinzpop ist nun endgültig vorbei, der Sommer ist es ja leider auch. Und obwohl uns der September noch mit vielen Sonnenstrahlen verwöhnt hat, fröstelt es mich doch schon, wenn ich abends auf den Balkon trete und sofort drängt sich der Gedanke nach warmer Kleidung auf. Denn was gibt es schöneres, als sich an einem kühlen Herbstabend in eine weiche, voluminöse Strickjacke zu kuscheln? Na ja, ausser vielleicht, sich in einer weichen, voluminösen Strickjacke vor dem Kamin zu räkeln… Das mit dem Kamin wird wohl vorerst ein Wunschtraum bleiben (bin froh, wenn unser Ofen Anfang November vom Restaurator kommt), aber die Strickjacke ist eine realistische Sache. Vor ein paar Monaten bin ich nämlich vom Strickvirus befallen worden, und seitdem bin ich um ein Top, ein Kleid, mehrere Handytaschen und einen Schal reicher.

Alles fing damit an, dass ich mir bei einem Versand ein cooles und sauteures Stricktop mit einem hippen Label drauf bestellt hatte. Als das dann kam, musste ich feststellen, dass der Schnitt ganz und gar unmöglich war. Ich sah darin aus wie eine überdimensionale Birne. Da ich zu den Menschen gehöre, die sich nur ungern freiwillig verunstalten, schickte ich das Top mit dem hippen Label also zurück an den Versender. War sowieso zu teuer für das bisschen Wolle! Da kam mir der Gedanke, dass ich das doch eigentlich auch selbst machen könnte, schließlich hatte ich als Kind von meiner Oma stricken gelernt. Ich konnte mich auch dunkel erinnern, meinem Vater vor etlichen Jahren mal einen selbstgestrickten Schal zu Weihnachten geschenkt zu haben, den er meines Wissens immer noch trägt. Also, Zeitschrift gekauft, passendes Top gefunden und ab ins nächste Fachgeschäft! Das stellte sich erstmal als gar nicht so einfach heraus, aber ich wurde dann doch fündig – in Tonjas Boutique in der Korngasse (gegenüber vom Neumarkt). Der Laden ist klein und übersichtlich, aber die Betreiberin versorgte mich mit dem richtigen Garn und Bambusnadeln. Außerdem erzählte sie mir, dass Stricken ja in den letzten Jahren wieder sehr in Mode gekommen sei, vor allen auch junge Frauen würden kreativ werden und sich selbst individuelle Sachen machen. Dies bestätigte sich, als ich auf der Suche nach Anleitungen ein wenig im Internet stöberte. Es gibt unzählige Strick- und Handarbeitsblogs, wo Strickjunkies Tipps, Erfahrungen und Muster austauschen.Viele sind aus dem englischsprachigen Raum, denn die letzte große Hobby-Strickwelle ist aus den USA nach Europa herübergeschwappt. Maßgeblich dazu beigetragen hat eine gewisse Debbie Stoller, Begründerin der legendären Stitch’n'Bitch Gruppen (Kaffeeklatsch mit Stricken) und Autorin des sehr guten Buchs Stitch’n'Bitch: Knit happens. Gibt es, glaube ich leider nur auf Englisch, ist aber wirklich empfehlenswert und mit hohem Schmunzelfaktor.
Zu jedem Trend gibt es eben immer eine Gegenbewegung. Angesichts der Massen billiger Textilien aus Asien, mit denen der Weltmarkt überschwemmt wird, ist der Wunsch nach etwas außergewöhnlicher Kleidung doch ganz natürlich. Was den Preis angeht, kann ein selbstgestrickter in keinster Weise mit einem H&M-Pullover konkurrieren, Wolle ist nämlich recht teuer, wie ich schnell feststellte. Aber trotzdem lohnt es sich – Stricken ist total entspannend und ich habe Freude daran zu sehen, wie ein Kleidungsstück entsteht. Ein weiterer Vorteil ist die Haltbarkeit (an denke nur an den besagten Schal meines Vaters;-) Und wenn man ein Kleidungsstück irgendwann nicht mehr mag, kann man es aufribbeln und immer noch einen Kissenbezug oder eine Handytasche daraus machen. Versucht das mal mit einem H&M-Pullover!
Manchmal findet man auch Schnäppchen, die meisten größeren Wollläden haben immer ein paar Kisten mit Restposten, wo man oft schon ab 2 CHF ein Knäuel eines schönen Wolle-Kunstfaser-Mischgarns erstehen kann. Und für eine Mütze reichen 1-2 Knäuel locker. In der Umgebung von St. Gallen gibt es einige gute Fachgeschäfte. Große Auswahl an Garnen und Zubehör findet man in der Wulle-Boutique in Gossau, dort gibt es manchmal auch größere Mengen Restposten. In schöner Lage, direkt auf der Insel in Lindau präsentiert sich das Geschäft „Inselwolle“, wo man neben Sonderangeboten zum Saisonende noch einen netten Schwatz mit der Besitzerin bekommt. Sie kopiert einem auch gern noch eine Strickanleitung aus einer Zeitschrift, die man selbst nicht hat und gibt nützliche Ratschläge. Mein Favorit liegt in der Altstadt von Arbon und heißt FILATI – Mode mit Wolle (früher ’s Wullechästli). Die Betreiberin ist sehr freundlich, berät kompetent und nimmt sich Zeit für jeden Kunden. Als sie bei meinem letzten
Wolle-Kauf nicht mehr genug des gewünschten Garns im Lager hatte, telefonierte sie sofort mit dem Hersteller (obwohl sich hinter mir schon eine Schlange aus vier anderen Kundinnen gebildet hatte) und ließ sich dann die fehlenden 3 Knäuel aus einem anderen Geschäft zuschicken.
Wenn jetzt jemand Lust auf’s Stricken und ein bisschen Erfahrungsaustausch bekommen hat, meldet Euch doch einfach bei mir unter post(at)provinzpop.ch. Vielleicht gibt es ja demnächst eine Stitch’n'Bitch Gruppe St.Gallen… So, jetzt muss ich aber zurück zu meiner Strickjacke;-)
taro