Provinzpop - aus St. Gallen

Literaturfest Rückblick

Mai3

Am vergangenen Wochenende fand das zweite Literaturfest “Wortlaut” in St. Gallen statt. Am 25. April konnte man für 20 Franken 16 Stunden St.Galler Literatur in all seinen Facetten ­geniessen. Natürlich hat sich Provinzpop diese Chance nicht entgehen lassen und einige Veranstaltungen besucht. Wir nutzten das schöne Wetter um durch die Stadt zu flanieren, da und dort zuzuhören und dabei ungewöhnliche Veranstaltungsorte zu entdecken. Natürlich konnten wir nicht alle Lesungen besuchen - aber unsere kleine Rundreise ergab doch einen recht repräsentativen Querschnitt.

Comedia Buchhandlung (16.30 Uhr)

Eine Comiclesung mit Tobias Fend (Stimme) und Beat Wipf (Gitarre). Tim in Tibet: Der Comic-Klassiker live vertont. Im Untergeschoss der Comedia Buchhandlung drängten sich geschätzte 20 Personen, die gespannt den Abenteuern von Tim, Kapitän Haddocks und den anderen Charakteren lauschten. Tobias Fend leistete ganze Arbeit. Leider war der Projektor nicht immer richtig scharf eingestellt und die hinteren Ränge konnten so die Comic-Strips an der Wand nicht ganz genau erkennen. Nach einer halben Stunde und dem Ende des ersten Teil des Abenteuers ging es weiter - gut, dass die gesamte Geschichte noch zu Hause nachgelesen werden konnte!

Vadian Bank (17.30 Uhr)

Autolesung

Lesung rund ums Automobil

In den ehrwürdigen Kellerräumen der Vadian Bank brachte die Autorengruppe “Ohrenhöhe” eine szenische Lesung zum Thema “Auto”.  Unter dem Titel “Gedieselt am 4. Fiat” erzählte die Ohrenhöhe unter anderem von merkwürdigen Ausflügen, sinnlichen Waschtagen, unverhofften Unfällen und vielem mehr.  Auch wenn szenisches Theater eigentlich nicht unser Fall ist, überzeugte uns die Darbietung (1 Stunde) voll und ganz. Leider war der große Raum nur wenig gefüllt - aber so gab es für jeden Zuhörer am Ende derVorstellung ein Duftbäumchen fürs Auto. Beim Apéro plauderten wir noch ein wenig mit René Oberholzer, Charlotte Maier und Helen Knöpfel von der Ohrenhöhe. Einziger Wermutstropfen: die unfreiwillig komische “Werbepause” vom GF der Vadian Bank vor der Lesung :-)

Rösslitor Bücher (19.00 Uhr)

In der Buchhandlung Rösslitor gab es etwas besonderes: Den Lesethron! Dort konnte das Publikum auch einmal auf der Bühne stehen und man hatte die Möglichkeit, je ca. 15 Minuten aus seinem Lieblingsbuch vorzulesen. Wir hörten uns vier verschiedene Vorleserinnen und Vorleser an, die sowohl selbstgeschriebene Kurzgeschichten und Gedichte wie auch aus Romanen und Sachbüchern vortrugen. Wer möchte, konnte sich in der Buchhandlung noch mit einer kräftigen Suppe stärken und die kunstvoll mit Absperrband umwickelte Einrichtung ansehen (hatte man Angst, dass die Zuhörer nach einem schlechten Gedicht aufstehen und randalieren würden?!?). Auch hier viel uns auf, dass recht wenig Publikum anwesend war.

Der Lesethron im Rösslitor

Palace (21.00 Uhr)

Nach dem Abendessen ging es ins Palace, um eine Veranstaltung namens Krneta, Greis & Apfelböck zu hören. Zwei auf den ersten Blick unterschiedliche Künstler traffen im Palace aufeinander: der Schriftsteller Guy Krneta und der Rapper Greis. Gemeinsam mit dem Musiker Jakob Apfelböck versuchten sie den Zuschauern eine neue Stilrichtung, bestehend aus Rap und Literatur nahezubringen. Die Literaptur. Das gelang beim ersten Text noch nicht ganz, wo es um einen “Winnetou Bühler” ging - aber der zweite Teil konnte das gut ausgleichen. In einer Neu-Interpretation von Albrecht von Hallers Gedicht “Die Alpen” arbeitete sich das Trio sehr atmosphärisch an der Schweizer Bergwelt ab und lieferte ein ziemlich beeindruckendes Gesamtkunstwerk an. Kann aber auch am langsam wirkenden Bier gelegen haben :-)

Grabenhalle (22.30 - 24.00 Uhr)

Berlin trifft St. Gallen

Auch wenn uns mittlerweile der Kopf von soviel Literatur schon brummte, gingen wir noch zur Abschluss-Veranstaltung in die Grabenhalle. Dort sollte die Berliner Lesebühne St.Gallen grüßen. Es gab tiefgründige und absurde Geschichten des bekannten Berliner Lesebühnen­autors Micha Ebeling, welche umrahmt mit Liedern von Elis C. Bihn wurden. In der Grabenhalle wurde es im Laufe der Lesung immer voller und die Stimmung war richtig gut. Auch wenn die Lieder von Elis die Zuhörer immer wieder ins Grübeln brachte (O-Ton Mich Ebeling: “Er hat so eine Art, dass man nach jedem Lied eigentlich aufhören kann. Mit allem!“). Dafür sorgten die Texte von Ebeling für jede Menge Heiterkeitsausbrüche. Und wo wir als Nicht-Schweizer im Palace noch teilweise Mühe beim “Simultanübersetzen-im-Kopf” hatten, war es hier genau umgekehrt. So richtig zu schätzen wußten die bitterbösen Texte wohl nur Menschen, die sich schon einmal im Berliner Dunstkreist bewegt haben. Ein absolut gelungenes Ende - hoffenlicht wird es im nächsten Jahr wieder eine Neuauflage des Wortlaut geben!

(maro)

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