Provinzpop – aus St. Gallen

Zürich Openair 2010 : Pannen, Pampe, Pustefix

September5

Wunder geschehen – immer wieder. Und so hat 2010 auch die grösste Stadt der Schweiz ihr eigenes Openair. Vom 27. bis 29. August fand das Zürich Openair statt. Um mit unserem geliebten toxic.fm zu sprechen: Zürich ist für uns immer noch keine Alternative. Aber aufgrund der klangvollen Namen, die das Werbeplakat des Zürich Openair in diesem Jahr versprach, haben wir uns dann am vergangenen Wochenende aufgemacht in die große Stadt. Es spielten auf: Placebo, Faithless, Prodigy, Mando Diao, The Hives, Courtney Love mit ihrer Band Hole usw. Preislich hielt sich der Newcomer unter den Festivals im “Rahmen” – wenn man sich die Übersicht von 20min anschaut. 160 Stutz teuer war der Dreitagepass.

Den Freitags-Headliner Placebo hatten wir bereits fünf Mal auf Konzerten und Festivals erlebt. Been there, done that. Also sparten wir uns das und rückten erst am Samstag an. Im Nachhinein war das eine gute Idee, denn wie die Zeitungen berichteten, verzögerte sich der Einlass am Freitag von 12 Uhr auf 16 Uhr. Keine tolle Sache, denn um 16 Uhr sollten schon die ersten Bands spielen. Und wenn man dann noch das Zelt aufbauen muss, ist die Stimmung alles andere als supi. Nun ja – wir kamen frisch und ausgeruht an Sanstag gegen 15.00 Uhr am Festivalgelände an und dort stellten wir ziemlich schnell fest, dass Festival-St. Gallen offensichtlich einen Exportschlager hat, der jetzt auch in Zürich angekommen ist: In den Schuhläden waren die Gummistiefel ausverkauft und auf dem Festivalgelände stand man kniehoch im Schlamm. Drei Bühnen, der latente Duft nach Kuh und jede Menge Matsch. Ganz wie zu Hause,-)

Als erstes freuten wir uns auf Maximo Park, die am frühen Abend spielten. Leider war entweder die Anlage gedrosselt oder ein Verstärker durchgebrannt – die Soundqualität war jedenfalls grauenhaft. Ich kam mir vor, als würde ich an einem kalten verregneten Tag mit einem Kofferradio auf Drei Weieren sitzen, nur dass ich das natürlich nicht tun würde. Bin ja nicht blöd. Der Auftritt war dennoch nicht schlecht, der typisch quirlige Maximo-Park-Pop. Die Band machte ihre Sache gut und Sänger Paul Smith versuchte, mit einigen Sätzen Deutsch zu beeindrucken und betonte immer wieder, wie sehr er sich freue, in Zürich zu sein. Immerhin, denn einige andere Bands schienen gar nicht mehr genau zu wissen, in welcher Stadt sie eigentlich gerade spielten. Da haben wir natürlich Verständnis, denn schließlich war es für viele sicher ein langer Festivalsommer.

In der Zeit vor dem nächsten Gig auf der Hauptbühne lauschten wir der belgischen Band dEUS aus der Ferne und stellten fest, dass sie sich gut als Hintergrundmusik für ein Festival-Fast-Food-Abendessen eigneten. Ehrlich gesagt, kannte ich ja nur das legendäre “Suds & Soda” von ihrem ersten Album, aber auch andere Stücke stellten sich als hörbar heraus. Die nächste Band auf der Main Stage war Mando Diao. Die hatten wir letztes Jahr auf dem Openair St. Gallen gesehen und wussten, was wir zu erwarten hatten: Eine große Klappe und ein miserables erstes Stück, denn Einsingen ist ja sooooo altmodisch. So kam es dann auch. Die Anlage hatte inzwischen einen wundersamen Selbstheilungsprozess hinter sich und klang laut, kraftvoll und gut ausgesteuert. Das Publikum war gleich von Anfang an Feuer und Flamme, so dass ich mich nach einer Weile unwillkürlich fragte, was mit den Leuten nicht stimmt, die zu diesem Plastik-Rock so begeistert abgehen. Wahrscheinlich lag es daran, dass sich während des Tages das Gerücht hielt, dass die Schweden ihren Gig abgesagt hätten, weil man sie am Flughafen vergessen hätte. Etwa 10 Minuten und 3 Lieder später hörte ich mich dann selbst „Give me, give me fire“ grölen und wusste, was es war: der Mitbrüllfaktor. Eingängige Melodien, geradlinige Kompositionen und Refrains, die man sich gut merken kann. „I’m fallin’ in love with your favorite song I’m gonna sing it all night long I’m gonna dance with somebody dance with somebody“ ist schließlich auch für jemanden machbar, der die Englischprüfung gerade eben noch bestanden hat. Meine persönliche Meinung zu Mando Diao (überbewertet!) mal hinten angestellt, muss man sagen, dass sie die Bühne gerockt und das Publikum begeistert haben. Und das ist ja die Hauptsache.

Nach dem Auftritt von Mando Diao ging es dann schnurstracks zur kleinsten der drei Bühnen, meinen persönlichen Geheimfavoriten anhören. „I am Kloot“ aus Manchester. Ich weiß nicht mal mehr, wie ich auf diese Formation gekommen bin, aber eine Zeit lang liefen ihre Songs in meinem Auto hoch und runter, so dass ich erstaunlich viel mitsingen konnte. „I am Kloot“ ist eine Band, die sich irgendwo zwischen Alternative Rock und Singer /Songwriter einordnen lässt. Die Melodien wirken oft melancholisch, in den Texten dreht es sich meist um „love, drinking and desaster“, insgesamt also wenig optimistisch. Aber verdammt gut. Echter Rock, ich meine, so echt echt. Die drei Jungs können Musik machen, Frontmann John Bramwell schafft es trotz seiner wenig eindrucksvollen Erscheinung, die Zuhörer mit seiner Stimme zu fesseln und ihnen bittersüße Schauer über den Rücken zu jagen. Alles wirkte absolut authentisch. Vor allem der Teil „drinking und desaster“, wie wir später in der Nacht merkten. Da trafen wir nämlich zwei Drittel der Band auf einer Bank vor unserem Hotel wieder, wo sie gerade mit ein paar Openair-Besuchern mehrere Flaschen Hochprozentiges leerten, ihre Trinkgenossen um Zigaretten anschnorrten und über das Elend der Welt debattierten. Wir waren nicht betrunken genug (bei den horrenden Getränke-Preisen auf dem Festival kein Wunder) und hatten auch nicht genug Zigaretten, um uns dazu zu gesellen. Mir persönlich reicht ja das Konzert, ich bin einfach Musikfan und muss meine Lieblingsgruppen nicht unbedingt näher kennen lernen ;-)

Das Größte in dieser Nacht allerdings war der Auftritt von Faithless. Bisher hatte ich ihre Musik als eine Art angenehme Hintergrunduntermalung betrachtet, zu der es sich recht gut tanzen lässt. Ich mag elektronische Musik, bin aber nie wirklich so davon mitgerissen worden wie von gut abgehangenem Rock. So war ich also gespannt auf dieses Konzert, vor allem auf die Umsetzung der Stücke live auf der Bühne. Zuerst wurde kräftig die Nebelmaschine angeworfen, dann ward es Licht (und was für welches!) und aus dem Nebel tauchten die Silhouetten von 8 Menschen und vielen Instrumenten auf. Es gab zwei Schlagzeuge, Keyboards und Gitarren (Gitarren?!). Bereits bei den ersten Tönen tobte das Publikum (mich eingeschlossen) und das sollte sich bis zum Ende des Auftritts nicht mehr ändern. Ein Hit jagte den nächsten, Maxi Jazz verausgabte sich, unterstützt von zwei großartigen Background-Sängern, am Mikro, Sister Bliss am Keyboard (Rollo, wie immer, zu Hause,-) Die Inszenierung war beeindruckend, geradezu perfekt. Die Lightshow war auf jeden Fall das Fetteste, was ich je auf einem Konzert gesehen habe. Mit Hilfe einer raffinierten Konstruktion aus LED-Leuchten erschienen aus dem Nichts kleine Comic-Filme und wurden ganze Städte regelrecht auf den Bühnenhintergrund gemalt. Die Band schaffte es, das Publikum durch Musik und Show in Trance zu versetzen und dabei auch ihre Botschaft rüberzubringen, die sich wohl am besten mit „What about love?“ charaktisieren lässt. Und als am Ende des Konzerts 20.000 Festivalbesucher „We come one“ mitsangen, glaubten wir doch alle ein wenig daran, dass wir gemeinsam wirklich etwas verändern können. Großartig! Wer Faithless noch nie live gesehen hat, sollte das unbedingt einmal tun. Scheiß auf den Tinitus!

Den Sonntag verbrachten wir zum großen Teil nicht auf dem Festivalgelände, sondern in downtown Zurich (Kaffee trinken, komische moderne Kunst anschauen) und kamen erst am frühen Abend wieder nach Rümlang. Inzwischen musste es wohl eine oder mehrere Pannen gegeben haben, jedenfalls waren die Bands mit ihren Auftritten schon 20 Minuten im Verzug, so dass wir mehr Belle And Sebastian ertragen mussten, als uns lieb war. Aber auch das hatte, Gott sei Dank, irgendwann ein Ende und wir wandten uns den Stereophonics zu. Außer ein paar wenigen bekannteren Stücken hatte ich von den Jungs aus Wales noch nicht viel gehört, aber das tat dem Konzertvergnügen keinen Abbruch. Die Musik ist eingängig, der Frontmann brillierte mit geölter Stimme und gegeltem Haar und der Gitarrensound war vom Feinsten. Ich würde das mal in die Kategorie „gehobener Indie-Rock“ einordnen. Insgesamt eine runde Sache, ich werde demnächst im Plattenladen sicher mal in ein paar Stereophonics-Alben reinhören.

Langsam neigten sich Abend und Festival immer mehr dem Ende entgegen. Inzwischen war es 20.00 Uhr und vor der Hauptbühne war kaum noch ein Platz zu bekommen. Als Höhepunkt des Sonntags stand The Prodigy auf dem Programm. Nachdem die Herren Diven dann mit 45 Minuten Verspätung die Bühne betraten, erwartete ich das Konzert meines Lebens. Bei so einer Verspätung wären auf dem St. Galler Openair sicherlich schon jede Menge PET-Bierflaschen durch die Menge geworfen worden. Da aber beim Zürcher Festival keinerlei Getränke auf dem Gelände erlaubt waren, behalf man sich mit Pustefix-Seifenblasen. Sieht schöner aus und tut nicht weh, wenn man eine abkriegt :-) Ich muss gestehen, der Auftritt war ein Erlebnis. Es war laut, es war schrill und mein Trommelfell wurde mit hammerharten Beats malträtiert. Außerdem mussten wir uns von Maxim ständig F-Wörter anhören. Die Stimmung war aufgeheizt und entlud sich in spastischen Zuckungen der Sänger und des Publikums, wann immer ein bekanntes Sample oder eine berühmte Melodie ertönte. Und davon gibt es bekanntlich viele (Firestarter, Smack my bitch up, Poison etc. etc.). Prodigy ist sozusagen der Gegenentwurf zu Faithless, auch elektronisch zwar, aber viel aggressiver, mit viel mehr Druck und viel mehr Wut. Prodigy ist Krieg mit Sound und Licht. Nach anderthalb Stunden, als es dann vorbei war, fühlte ich mich total durch den Wolf gedreht, aber auch seltsam befreit. Sollte man mal mitgemacht haben.

Fazit: Auch wenn sich schon während des Festivals in Foren und auf der offiziellen Facebook-Seite die Besucher in Schimpftiraden ergingen, ob der “beschissenen Organisation”. Ja sicher, es gab zu wenig Platten gegen den Schlamm, die Ordner waren teilweise überfordert und an manchen Getränkeständen hatte man den Eindruck, von Schlafmützen bedient zu werden (die Wartezeiten waren teilweise extrem). Aber! Es gab keinen Stromausfall, keine Band-Absagen und es war durch die Bank friedlich und es gab nur wenig Verletzte (alles Schlammopfer) – was vielleicht auch an den Züri-typischen Getränkepreisen lag. Wenn das Zürich Openair die Kinderkrankheiten besiegen und im nächsten Jahr mit einem ähnlich beeindruckenden Line up aufwarten kann, sind wir sicher wieder dabei. Und verbuddeln vorher einen Getränkevorrat auf dem Gelände :-)

taro (text) / maro (bild)

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