Provinzpop – aus St. Gallen

Stadtentwicklung: Marktplatz Bohl

April10

Wenn man in einer Stadt lebt, ist die Stadtentwicklung natürlich ein allgegenwärtiges Thema. Ständig erlebt man Veränderungen, sieht, wie alte Häuser abgebrochen und neue Baugruben ausgehoben werden, ärgert sich über Umleitungen, wenn aufgrund von Bauarbeiten wieder eine Strasse gesperrt wird und wundert sich über so manche Entscheidung, die im Baudepartement getroffen wird. Derzeit gibt es in unserer Stadt einige mehr oder weniger umstrittene Um- und Neubauprojekte. Ein ganz zentrales ist die geplante Umgestaltung des Marktplatz Bohl mit Tiefgarage, neuer Markthalle und Abriss der Calatrava Wartehalle.

Calatrava Halle auf dem Bohl St. Gallen

Der schlauchähnliche Platz im Herzen der Stadt ist sicher kein Beispiel für ein besonders gelungenes architektonisches Ensemble, aber für uns gehört er zu den wenigen Orten in der Stadt, wo man ein ganz klein wenig Großstadtatmosphäre spürt. An Markttagen drängen sich die Kauflustigen, an lauen Sommerabenden sitzen die Leute in den Strassencafés, Jugendliche treffen sich zum Herumhängen, ab und zu streiten sich ein paar  Obdachlose um das  letzte Bier – kurzum, es ist immer was los :-)

Die öffentliche Diskussion um die Umgestaltung ist schon seit einiger Zeit in vollem Gange, und nun widmet sich auch die Erfreuliche Universität des Palace mit einer dreiteiligen Vortragsreihe diesem Thema. Die Reihe trägt den Titel: Tiefenbohrung am Marktplatz. Am vergangenen Dienstag fand der erste Vortrag statt, der St. Galler Historiker Maurus Bieler versuchte, einen Einblick in die inzwischen fast 600-jährige Geschichte des Marktplatz Bohl zu geben. Er verortet die “Geburtsstunde” des Bohl auf den 20. April 1418 – der Tag des Stadtbrands von St. Gallen. Danach war der Weg frei für eine Bebauung und Nutzung des Areals für Märkte und Handel. 1584 wurde das Waaghaus gebaut, welches als letztes historisches Gebäude dem Platz einen Rest-Charme verleiht – alle anderen Gebäude sind leider im Laufe der Zeit abgerissen worden. Durch die Überdeckung und spätere Kanalisierung des Irabachs konnte ein länglicher breiter “Graben” zwischen dem Schibener- und Brühltor geschaffen werden und ermöglichte dadurch die Platzkonfiguration Marktplatz-Bohl, die der heutige Besucher kennt.

Von 1835 bis 1837 verschwanden im Zuge eines “neuen Zeitgeistes”, der die mittelalterliche Enge ablehnte, die Stadttore, was den Platz öffnete und ihn zu einem Boulevard machte. Anders als bei den klassischen Boulevards des 19. Jahrhunderts wurde nicht das städtische Bollwerk als ganzes aufgelöst, sondern nur jener Abschnitt, der durch das Zusammenwachsen der Altstadt mit der St. Mangen Vorstadt überflüssig wurde. Der Abriss und die Umgestaltung gingen weiter, so wurde 1877 das Rathaus (1564 gebaut) abgerissen, was die St. Galler runde 100 Jahre mit der Frage beschäftigte, wo denn ein neues gebaut werden sollte. Erst 1977 wurde das neue Rathaus neben dem Bahnhof errichtet. Mitte des 20ten Jahrhunderts kommt es dann zur letzten Neugestaltung des Marktplatz-Bohl, der im Abbruch des Stadttheaters 1971 gipfelt. Lange Jahre sollte die freie Fläche erst als Marktplatz, dann als Baugrube mit beachtlichem Sickerwasserstand genutzt werden, bis 1992 ein neues Gebäude errichtet wurde, in dem unter anderem eine Fastfood-Kette Fritten und Burger verkauft.

marktplatz-bohl und blumenmarkt

Wichtig für die Diskussion um die Neugestaltung des Areals ist nach Meinung des Referenten Maurus Bieler, dass der Marktplatz-Bohl nie ein historischer Raum war oder gar ein repräsentativer Ort. Er ist (und war) ein Nutzplatz. Auf diesem von allen Seiten umbauten Platz fanden schon im Mittelalter verschiedene flächenintensive Nutzungen wie Holz- und Viehmarkt statt. Diese städtische Infrastruktur wurde von verschiedenen Nutz- und Amtshäusern (Metzg, Kornhaus, Rindermarkt, Waaghaus, Münz) bedient. Zwar lichtete sich das “Verkehrschaos”, die Enge durch gleichzeitige Nutzung wurde mit der Schleifung der Stadtmauern und -Tore beseitigt und durch die wachsende Beanspruchung als Ost-West Verkehrsachse wurde das gesamte Ensemble Bohl/Marktplatz/Blumenmarkt kontinuierlich „entrümpelt“.

Leider konnte man sich Anfang 20. Jahrhundert nicht dazu durchringen, eine allumfassende städtebauliche Neugestaltung zu wagen – auch wenn es einige Pläne diesbezüglich gab. Schuld daran war neben dem ersten Weltkrieg vor allem der Niedergang St. Gallens als Textilindustrie-Standort. Insbesondere der Verlust einer ordnenden Mitte, durch den Abbruch des Rathauses herbeigeführt, wurde nie kompensiert. Und so entstand der “Raumbrei”, an den sich die St.Galler gewöhnt haben. Die Touristen entschädigte wenigstens die Calatrava-Halle für den ansonsten eher unspektakulären Platz. Aber, diese soll jetzt im Zuge des Umbaus verschwinden, und ein freigeräumter Bohl für mehr Urbanität sorgen. Hält man sich die Geschichte des Platzes vor Augen, so wäre die Umwandlung in einen repräsentativen Ort eine gänzlich falsche Idee. Viel spannender würde es sein, wenn der Marktplatz-Bohl ein moderner Platz der Begegnung und des Handels für alle St. Galler werden würde. Das scheint aber in Zeiten des Rückzugs von öffentlichem Raum und allgegenwärtiger Privatisierung wenig mehr als ein frommer Wunsch zu sein…

Die Vortragsreihe wird fortgesetzt:

Teil 2 - “Sozialraum” am Dienstag, 14. April 2009, 20:15 Uhr

Teil 3 – “Verkehrsplanung” am Dienstag, 21. April 2009, 20:15 Uhr

(maro / taro)

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One Comment to

“Stadtentwicklung: Marktplatz Bohl”

  1. On Mai 13th, 2009 at 23:02 karlo Says:

    Was nützt ein Markplatz der gar keiner ist.
    Das ist höchstens ein Eventplatz.

    Ich will ein Marktplatz, der immer Angebote des täglichen Bedarfs aus der näheren Umgebung oder des hiesigen Gewerbes anbietet. Nicht nur einmal pro Woche im Sommerhalbjahr (Bauernmarkt) oder sogar nur jährlich (Ökomarkt).
    Aber gemäss Stadtpräsident Scheitlin sind ja die Monopolisten Coop und Migros in nächster Nähe, darum braucht es das höchstens aus Nostalgiegründen.

    Mein Lebensmittelpunkt ist das Neudorfquartier. Der Platz dort wird auf der einen Seite als Gratis-Autoparkplatz für Grosskonzerne wie Migros, Post, Kantonalbank oder Denner und auf der anderen Seite als nicht mehr benötigter versiegelter Buswendeplatz missbraucht. Ein wahrer Unort zum littern, randalieren, pöbeln etc. wo sich keiner länger als nötig aufhalten will.

    Mehr von der Umgestaltung der Plätze im Stadtzentrum als ein Agglobewohner habe ich nicht, aber dafür bezahlen soll ich schon.
    Hauptsache das Gewerbe in der Innenstadt floriert für Steuereinnahmen, Boni, Lohnerhöhungen etc.

    Unsere Wohnquartiere sind nicht zum Leben sondern nur noch anonyme, asoziale Fluchtburgen.

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