Provinzpop – aus St. Gallen

Wortlaut : St. Galler Literaturfest 2010

September19

Wortlaut St. Gallen 2010Am 18. September 2010 fand das dritte St. Galler Literaturfest “Wortlaut” statt. Während es 2008 und 2009 (Wortlaut-Bericht von uns) in der ersten Jahreshälfte stattfand, wurde dieses Jahr erst im September gelesen. Auch sonst haben sich ein paar Sachen geändert. Während die ersten zwei Wortlaute noch 20 Franken kosteten, gab´s die Festivaltickets 2010 für 25 Franken. Ein stattlicher Aufschlag von 25% – aber für die gebotenen Lesungen bzw. Veranstaltungen immer noch ein guter Deal. Bleibt aber zu hoffen, dass sich die Erhöhung in den Folgejahren nicht so fortsetzt! Ansonsten hat man aus den kleinen Problemen im letzten Jahr gelernt – die Veranstaltungen sind kürzer geworden (30 Minuten waren die Lesungen durchschnittlich lang) und die Veranstaltungsorten noch etwas enger zusammengerückt. Die Veranstalter des Literaturfestes Lukas Hoffstetter und Richi Küttel schreiben dazu in ihrer Pressemitteilung: “Damit die Besucher möglichst viel vom Literaturfest haben und einfach und schnell von Lesung zu Vortrag wechseln können, haben sich die Veranstalter in Lokalitäten auf der Achse Blumenbergplatz – Pic-o-Pello-Platz zusammengefunden.

Insgesamt konnten die Besucher 15 Stunden Literatur und Wortakrobatik in verschiedensten Formen geniessen. Provinzpop hat sich bemüht, so viele Veranstaltungen wie möglich zu besuchen – kann aber an dieser Stelle nur einen kurzen Anriss bieten – und ist in seinen Beobachtungen wie immer höchst subjektiv :-)

16.30 Uhr: Märchen Ratzepetz (Textilbibliothek)

Nachdem wir unsere Bändel in der Freihandbibliothek erworben hatten, machten wir uns direkt auf den Weg zum Textilmuseum. Dort las Claudia Rohrhirs für die Kleinen (und natürlich auch die Grossen) passend zur derzeitigen Ausstellung Märchen zum Thema „stricken“ vor. Wir erwischten die professionelle Märchenerzählerin (www.geschichtenetc.ch) bei Ihrer letzten Vorlesung und wurden angenehm überrascht. Denn Frau Rohrhirs las nicht aus einem dicken Buch in Schriftdeutsch vor, sondern erzählte die Geschichte frei in angenehmer Mundart. So richtig “strickig” gings im Märchen Ratzepetz zwar nicht zu, aber immerhin spielte ein Schleier eine große Rolle in der Geschichte. Und der ist immerhin aus Stoff.

17.30 Uhr: Ohrenhöhe – mach mich nicht wohnsinnig! (Vadian Bank)

Nach dem recht kurzen Märchen zum “aufwärmen” ging es gleich weiter in die Vadian Bank. Dort spielte wie im letzten Jahr die Autorengruppe “Ohrenhöhe“. Ging es im letzten Jahr noch um das Auto – war heute das Wohnen dran. Geschichten, Lieder, Perfomances rund um die eigenen vier Wände – skurril, humorvoll und ab und an auch etwas hintersinnig.  Böse Zungen könnten jetzt behaupten, wir wären nur in die Vadian Bank gegangen, weil es dort so einen feinen Apéro hat. Aber, das ist nur die halbe Wahrheit! Da uns das szenische Theater der Ohrenhöhe im letzten Jahr sehr viel Spass gemacht hat, wollten wir unbedingt wissen, ob das neue Programm ebenfalls so gut ist. Und ja – nach dem halbstündigen Auftritt können wir das bestätigen. Nach dem Theaterspiel von Eva Philipp, Jakob Näf, Helen Knöpfel, Charlotte Maier und René Oberholzer redeten wir am Vadian-Buffet noch ein wenig mit der Autorengruppe, die uns auch gleich wieder erkannte und zum inoffiziellen St. Galler Fanclub ernannte. Leider war auch dieses Jahr der Auftritt recht schlecht besucht, nur 8 Leute waren bei der ersten Runde dabei. Wir wünschten der sympathischen Gruppe, die in der jetzigen Formation seit 5 Jahren auftritt, für die zweite Runde mehr Zuschauer und machten uns auf den Weg zum nächsten Literatur-Ort. Angenehm in Erinnung geblieben ist neben dem Auftritt, dass die Bank dieses Jahr auf ihre Werbesprüche fürs Publikum verzichtet hat :-)

18.30 Uhr :  Schreibwerkstatt St. Gallen – Wortsplitter (Gallusplatz)

Eine der wenigen “Openair”-Lesungen fand am Gallusplatz statt. Die Schreibwerkstatt (www.schreib-werkstatt.ch) unter der Leitung von Rosemarie Lutz hielt Lesungen mit Lyrik und Prosa direkt unter der Linde ab. Maria König, Cinzia Haage, Rosmarie Lutz, Kamila Szafraniec und Gastautor Torsten Pfost lasen eigene Texte vor. Wir erlauschten ein lustiges Gespräch über die Verständigungsprobleme zwischen St. Galler Mundart und Schriftdeutsch und hörten einen Text über Kindheitserinnerungen an den Gallusplatz und die ansässige italienische “Parallelgesellschaft”.

19.00 Uhr : Silvano Cerutti – Du nennst das Gier (Restaurant zum goldenen Leuen)

Um diese interessante Veranstaltung zu erwischen, verliessen wir die Schreibwerkstatt vorzeitig und kehrten in der nahegelegenen Beiz “Naz” ein, wo ein amüsant hinterhältiger Krimi aus der Schweizer Provinz gelesen wurde, begleitet von der Ein-Mann-Band “Count Vlad”. Das klang im Programmheft sehr spannend, und so war es dann auch. Die Bierstube war gut gefüllt, wir ergatterten noch einen kleinen Tisch an der Seite. Natürlich mussten wir das “Huus Bier” testen und bestellten auch einen der legendären “Chäschüechli im National”. Kurz gesagt: der Käsekuchen war lecker, das Bier … trinkbar. Zwischen den einzelnen Texten sang “Count Vlad” passende Songs begleitet von seiner Gitarre. Angenehme Melodien, morbide Texte und eine an Tom Waits erinnernde Stimme. Die Lesung war sehr spannend, ziemlich lustig und macht Lust auf mehr. Davon gibt es einiges – so konnte direkt nach der Lesung das zugehörige Buch gekauft werden (gibt´s auch bei Amazon zu bestellen). Und: die komplette Lesung ist unter anderem am 17. November in der B-Post Bar in St. Gallen zu hören. Fein, das ist im Provinzpop-Kalender bereits notiert.

21.00 Uhr : Theater am Tisch – Ein Kaff greift nach den Sternen (Kulturmagazin Saiten)

Der Chäschüechli aus der Beiz war zwar lecker, aber kein vollwertiges Abendessen. Darum zog es uns zum Edeldöner Limon ins Linsebühl, wo wir erst uns einen “Znacht” gönnten. Frisch gestärkt stürzten wir uns wieder ins Literatur-Getümmel. Als nächstes stand ein Besuch der Saiten-Redaktion auf unserem Zettel, die Jörg-Fauser-Collage “Ein Kaff greift nach den Sternen” lockte. Diana Dengler und Marcus Schäfer durchforsteten 45 Minuten das Werk des deutschen Autors Jörg Fauser, dazu gab es sporadische musikalische Untermalung. “Ein Abend zwischen Tequila, Captagon und dem Risiko der Erkenntnis“, so stand es im Programmheft geschrieben. Nun, was man halt so schreibt, wenn es neugierig machen soll, aber bitte nicht zu konkret sein darf. Unser Fazit: Harte Kost, die da vorgelesen wurde, eine weibliche Erzählerstimme, an die man sich erst gewöhnen musste, viel zu viele Leute in einem kleinen Raum erzeugten schweisstreibende Temperaturen und eine gelungene Bearbeitung eines nicht ganz einfachen Schriftstellers. Wikipedia ordnet Fauser der Beat-Literatur zu, und das passt ziemlich gut. Die Texte klangen nach einer Mixtur aus Charles Bukowski, Hunter S. Thompson und ein paar Spritzer Henry Miller. Weniger Sex, weniger derbe Sprache, dafür viel Drogen, Selbstzweifel und Urbanität.

22.30 Uhr : Wladimir Kaminer – Lesung und Russendisko (Palace)

Im Gegensatz zum letztjährigen Festival gab es dieses Mal so etwas wie “Headliner”. Einer davon war Wladimir Kaminer. Der Berliner Schriftsteller und Kolumnist, international bekannt geworden mit seiner Russendisko, rückt in seinen Büchern und Auftritten die Welt aus russischer Sicht ins rechte Licht. Im Palace las er drei Mal, wir erschienen zu seiner letzten Lesung, die dann nahtlos in die Russendisko übergehen sollte. Das ehemalige Kino platzte fast aus allen Nähten, so viele Menschen erschienen zum dritten Auftritt. Wobei ein beträchtlicher Teil der Besucher seit der ersten Lesung um 20.30 Uhr dabei war und einfach sitzen blieb. Denn Kaminer spulte nicht jede halbe Stunde sein gleiches Programm ab, sondern las in “Fortsetzungen”. Seine letzten Texte, die er mit ziemlich starken russischem Akzent vortrug, handelten vom Senfbrot-Kommunismus, den Deutschen und ihrer Vorliebe für GPS Navigationssystem und russisches Wels-Angeln mit dem obskuren Song “Hafanana” von Afric Simone. Nicht umsonst war Kaminer auf den Wortlaut-Plakaten in ziemlich grossen Lettern angekündigt worden. Eindeutig DAS Hightlight am 3. St. Galler Literaturfest. Und sehr interessant, endlich einmal diesen Autor auch zu hören – zwar stehen bei uns einige Werke im Bücherschrank, aber zu einer Lesung hatten wir es bislang noch nicht geschafft. Für diejenigen, die Wladimir Kaminer noch nicht kennen, seien die Bücher “Russendisko” und “Schönhauser Allee” als Einstieg empfohlen.

23.15 Uhr : Olli Schulz (Grabenhalle)

Und dann war da noch Olli Schulz. Eigentlich wollten wir ja gar nicht hin, sondern lieber obskure Musik in der Russendisko hören. Wladimir Kaminer ging nämlich schnurstraks vom Lese- zum Mischpult, legte russische Popsongs auf und verwandelte das Palace vom literarischen Kulturcafé direkt in eine waschechte Diskothek. Aber – der Chronistenpflicht folgend, machten wir uns nach der Lesung auf und gingen in die Grabenhalle, wo Herr Schulz dann die versammelten Festivalbesucher eine knappe Viertelstunde warten liess, bevor er auf die Bühne stolperte. Fans von Olli Schulz werden uns jetzt sicher Hass-Mails zusenden aber egal. Wir bekamen genau das vorgesetzt, was wir erwartet haben. Denn leider hat sich der “Singer/Songwriter” in den letzten fünf Jahren kein Stück weiterentwickelt. Wir erlebten einen Auftritt 2005 in der Schaubühne Lindenfels in Leipzig, anlässig des 10. Geburtstags von Mephisto 97.6 (ein Radiosender, vergleichbar mit Toxic.fm). Damals war die Mehrzahl der Partygänger sehr genervt von dem ewigen Gebrabbel vor und nach jedem Song. Auch 2010 erzählte Olli Schulz in der Grabenhalle vor jedem Stück, worum es denn nun gleich gehen würde, und was uns das alles zu sagen habe. Nein, ist nicht unser Ding. Entweder ein Song wirkt für sich, dann muss man ihn nicht erklären – oder aber man erzählt eine Geschichte. Beim Abschluss des Literaturfestes letztes Jahr in der Grabenhalle schafften Micha Ebeling (Text) und Elis C. Bihn (Songs) genau diesen Spagat. Aber Olli Schulz konnte leider beides nicht miteinander verbinden. Genügend Fans von Herrn Schulz waren aber da und feierten den Hamburger und seine Perfomance eifrig. Wir hatten nach drei Liedern die Nase voll und gingen wieder zurück in die Russendisko. Da verstanden wir zwar die Texte der Lieder etwas weniger, dafür machten sie aber deutlich mehr Spass!

Mit den schnellen und obskuren Songs liessen wir das 3te St. Galler Literaturfest “Wortlaut” ausklingen. Wir freuen uns auf die vierte Auflage im nächsten Jahr!


posted under St. Gallen

Email will not be published

Website example

Your Comment: