Provinzpop – aus St. Gallen

mit-gehört: Selfish Cunt und Crystal Stilts

Februar8

Es gibt einige interessante Veranstaltungsorte in St. Gallen, einer davon ist ohne Zweifel das Palace. Wenn man das ehemalige Kino am Blumenbergplatz betritt, fühlt man sich sofort in der Zeit zurückversetzt: ein Kassenschalter, zwei Aufgänge zum Balkon, Sitzreihen mit roten Plüschsesseln – das Palace entspricht genau dem Bild, was ich von einem Filmtheater im Kopf habe. Aber anstatt der Filmplakate von Casablanca oder Vom Winde verweht hängen im Foyer überall Veranstaltungspläne und die frühere Kasse gibt heute den Blick auf die Bar frei. Das Palace ist in der Gegenwart angekommen – Kinos sehen heute, leider Gottes, anders aus, sind größer, greller, lauter und verkaufen in erster Linie Produkte des Coca-Cola-Konzerns;-)

Im Palace gibt es also keine Filme mehr, aber dafür Konzerte, Lesungen und Podiumsdiskussionen. Am vergangenen Freitag hatte sich Besuch aus England und USA angesagt: Selfish Cunt und Crystal Stilts, zwei ziemlich unterschiedliche Bands, gaben sich die Ehre und je ein Konzert.

Als erste betraten Selfish Cunt die Bühne, eine Post-Punk-Formation aus London (sagt Wikipedia),die für ihre provokanten Texte und aggressiven Auftritte bekannt sein soll. Ich erwartete also, dass Frontmann Martin Tomlinson mich sofort aus dem bequemen Plüschsessel auf meine Füße und in die erste Reihe katapultieren, aber dem war nicht so. Da er mit seiner Stimme zu keinem Zeitpunkt gegen die Durchschlagskraft seiner Band ankam, war von den explicit lyrics leider nichts zu verstehen und auch sonst war die Bühnenshow nicht eben Punk. Herr Tomlinson versuchte indes, vor allem die weiblichen Zuschauer durch seinen Knackarsch und seine hocherotischen Tanzeinlagen zu begeistern, jedoch blieb die Extase beim Publikum aus. Vergleiche mit Iggy Pop oder den Sex Pistols, die ich im Vorfeld gelesen hatte, finde ich, nun ja, ziemlich weit hergeholt, aber vielleicht liegt es daran, dass ich kein Experte für (Post-)Punk bin. Aber es ging nicht nur mir so: Als sich der Sänger am Ende der Show in den Zuckungen eines imaginären Orgasmus auf dem Boden wand, wollte keiner eine Zugabe. Unsere kleine Stadt ist wahrscheinlich noch nicht reif für so aufregende Sachen;-)

Ganz anders sah es bei den Crystal Stilts aus. Mit ihren eingängigen psychodelischen Melodien zogen die 5 jungen Musiker aus Brooklyn das Publikum ab dem ersten Lied sofort in ihren Bann. Obwohl Schlagzeugerin und Gitarristen richtig losmachten, wirkten die Songs luftig-leicht, als würden sie aus einem schönen Traum zu uns herüber schweben. Der gleichförmige Gesang des Sängers Brad Hargett bahnte sich mit hypnotischer Wirkung seinen Weg aus der Zwischenwelt in die Ohren der St. Galler und brachte sie zum Wippen und Tanzen. Da die meisten Songs der Band eher kurz waren, drohte das Konzert bereits nach 45 Minuten zu Ende zu gehen. Das St. Galler Publikum ist nicht so leicht zu begeistern, aber wenn es erst einmal in Fahrt ist, ist es kaum zu bremsen. Und so mussten die Crystal Stilts unter begeistertem Klatschen, Johlen, Rufen und Pfeifen 3 Zugaben geben. Am Ende meinte Brad Hargett scherzhaft: This is our last song. I think we don’t know any more songs!“ Da kann ich nur sagen: Schreibt schnell ein paar neue Lieder! St. Gallen erwartet Euch!

Alles in allem war es  ein gelungener Abend im Palace. Wer jetzt neugierig geworden ist, beide Bands haben Profile auf myspace.com und auch das Palace ist im Internet:

www.myspace.com/ixnewyork (Selfish Cunt)

www.myspace.com/crystalstilts (Crystal Stilts)

www.palace.sg (Palace)

taro

posted under Veranstaltungen

Email will not be published

Website example

Your Comment: